Migration and Integration

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Migration and Integration2019-01-16T20:16:48+00:00

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Integration braucht Unterstützung:

Erfahrungen mit weiblichen Flüchtlingen in Österreich

Gudrun Biffl | Department für Migration und Globalisierung, Donau-Universität Krems

Weibliche Flüchtlinge sind entweder selbst geflohen, mit oder ohne Familienanhang, oder sie sind im Rahmen der Familienzusammenführung gekommen. In den meisten Fällen haben sie minderjährige Kinder. Sie sind nicht nur vor Krieg und Terrorismus geflohen, sondern auch vor sexueller Gewalt, Zwangsverheiratung, Menschenhandel, Ehrenmorden und dgl. mehr. Ihre Flucht ist meist geprägt von Gewalt, Ängsten und Mangel an Ressourcen, die es ihnen ermöglichen würden, für sich und ihre Kinder zu sorgen. Wenn angekommen, leiden sie häufig unter Traumata, die selten angesprochen werden, nicht zuletzt auch wegen objektiver (sprachlicher) und subjektiver (schambesetzter) Kommunikationsbarrieren (Sansonetti, 2016).

Frauen sind Umfragen zufolge sehr motiviert, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren. Jedoch ist eine Vielzahl von Faktoren zu berücksichtigen, wenn man ihre Integration unterstützen will. Hierzu zählen eine adäquate gesundheitliche Versorgung und die therapeutische Behandlung von Traumata, eine passende Unterkunft sowie Kinderbetreuung, um Sprachkurse, Wertekurse, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und schlussendlich Jobangebote wahrnehmen zu können.  Aber auch wenn eine Lösung für die Betreuung von Kindern gefunden wird, stellt der geringe Bildungsgrad eines hohen Prozentsatzes von Frauen eine oft unüberwindbare Hürde beim Erlernen der deutschen Sprache und bei der Erwerbsintegration dar. So zeigen Daten zum Bildungsgrad anerkannter Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigter im erwerbsfähigen Alter, die beim AMS als arbeitslos oder in Schulung befindlich erfasst werden, dass 68% der weiblichen Konventionsflüchtlinge und 75% der weiblichen subsidiär Schutzberechtigten höchstens einen Pflichtschulabschluss haben (BMEIA, 2018).

Viele in dieser Qualifikationsgruppe haben kaum Schulen besucht und sind de facto funktionale Analphabetinnen. Dieser Umstand erschwert das Erlernen einer Sprache, noch dazu, wenn die Schriftzeichen sich von dem eigenen Kulturkreis unterscheiden. Es wäre daher notwendig, parallel zu Deutschkursen Basisqualifikationen zu vermitteln. Jedoch stellte sich in den Interviews von Frauen, die im Zusammenhang mit der jüngsten Fluchtzuwanderung nach Österreich gekommen sind, heraus, dass niemand auf diese kostenlose Bildungsmöglichkeit aufmerksam gemacht worden ist. Brückeneinrichtungen, wie Behörden oder Migrationsvereine, hätten die Aufgabe, diese Verbindung zwischen den Personen und den Bildungseinrichtungen herzustellen.

Aber auch höher qualifizierte Frauen stehen vor der Aufgabe, über den Erwerb der deutschen Sprache hinaus ihre Qualifikationen und Kompetenzen anerkannt zu bekommen und eventuell über Schulungsmaßnahmen ihre Kompetenzen an Österreichische Standards anzupassen.

Eine der größten Herausforderungen für weibliche Flüchtlinge ist der Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Beschäftigungsquote ist durchwegs gering und die Arbeitslosenquote hoch. Am höchsten ist die Arbeitslosenquote unter Frauen aus Syrien mit 80% und am ‚geringsten‘ unter Frauen aus Somalia mit 59% und Afghanistan mit 55%. Eine hohe Arbeitslosenquote ist aber nicht notwendigerweise ein Indikator für ein besonders hohes Arbeitsmarktproblem. Das ist an der besonders geringen Erwerbsquote von Frauen aus dem Irak, Afghanistan und Somalia abzulesen. Sie besagt, dass diese Gruppe von Frauen so arbeitsmarktfern ist, dass sie vom AMS nicht erfasst werden und daher auch über Förder- und Aktivierungsmaßnahmen nicht erreicht werden.

Auch die gesundheitliche Betreuung und Vorsorge ist eine wichtige Voraussetzung für das Ankommen (Barbière, 2016). In Österreich sind vor allem Frauenberatungsstellen eine Drehscheibe für spezifische ärztliche Betreuung und Beratung durch Frauen. Dabei ist der Kommunikation und dem Vertrauensverhältnis zwischen ÄrztInnen und Patientinnen besonderes Augenmerk zu schenken. Daher ist eine spezielle Ausbildung der BetreuerInnen und TrainerInnen notwendig bzw. sollte auch Frauen aus den Herkunftsregionen mit ähnlichen Erfahrungen offenstehen bzw. gefördert werden.

September 2018